In seiner Saison 2026/27 stellt das Ensemble Prospero Consort unterschiedliche Räume des Musizierens in den Mittelpunkt seiner Konzerte.
Wir fragen uns: In welchen Räumen ist Musik früher erklungen? Wo erklingt sie heute? Wie können wir die klassische Musik gewissermassen aus dem Konzertsaal zurück in den Alltag bringen? Wie machen wir unterschiedliche gesellschaftliche Zusammenhänge, die in Komposition und Musikpraxis des Barocks eine so zentrale Rolle einnehmen für ein heutiges Publikum erfahr- und erlebbar?
Dabei stehen drei Sphären des Musik-Machens besonders im Zentrum unseres Interesses:
Das Haus, als Ort des Musizierens in der Familie und mit Freunden; die Beiz, als Ort der Geselligkeit und des Zusammenkommens und der Hof, als Ort der Repräsentation, wo Macht und Pracht durch Musik begleitet und inszeniert werden.
In drei Konzertprogrammen in ganz unterschiedlichen Räumlichkeiten erforschen wir zwischen Oktober 2026 und Mai 2027 diese unterschiedlichen Aspekte, bringen Entwicklungen, die die europäische (Musik-)Geschichte geprägt haben mit ganz lokalen Traditionen zusammen und schlagen so einen Bogen zu Themen der Gegenwart.
Wir richten uns an Menschen, die bereits Interesse an klassischer Musik haben, die Lust haben, bekanntes Repertoire in höchster künstlerischer Qualität und in neuen Kontexten zu erfahren und neue, selten gespielte Werke kennen zu lernen.
Ganz besonders richten wir uns aber auch an Menschen mit Neugier und Entdeckerlust, die vielleicht an anderen Kunstformen wie Theater oder Architektur interessiert sind.
Durch die unkonventionellen Settings insbesondere der ersten zwei Konzerte möchten wir auch ein Publikum von Jung bis Alt ansprechen, das das traditionelle Format des klassischen Konzerts als zu starr empfindet. Insbesondere Familien sollen durch die flexible zeitliche Gestaltung der Programme angesprochen werden, die Kindern eine Möglichkeit gibt, ohne äusserlich fixierten Rahmen Erfahrungen mit klassischer Musik zu machen.
Klang:Räume: Der Doppelpunkt in unseren Titeln steht für das verbindende Element, für das Sowohl-als-Auch. Wir suchen Verbindungen zwischen räumlichen und sozialen Gegebenheiten und Kunstwerken. Inspiriert von unserer intensiven Rechechearbeit, die teilweise extrem selten gehörtes Repertoire zu Tage gebracht hat, nehmen wir so barocke Werke aus den üblichen Kontexten für klassische Musik heraus und finden neue Räume für alte Musik.
Die drei Konzerte im Detail
Haus:Musik
Das Haus: ein Ort der Familie, des Rückzugs, eine Heimat.
In unserem ersten Saisonprogramm sprengen wir die Grenzen des klassischen Konzertsettings. Wir bespielen ein ganzes Gebäude, lassen ein ganzes Haus zum Klangraum werden.
Verschiedene Aufführungen barocker Kammermusik von Johann Sebastian Bach und aus seinem Umfeld, die für den häuslichen Gebrauch komponiert wurde, werden so zu einer klingenden Installation. Die Musiker:innen spielen in verschiedenen Zimmern in variablen Besetzungen, teilweise parallel zueinander. Die Zuhörer bewegen sich von Raum zu Raum und entscheiden selbst, welches Werk sie in dem Moment anhören wollen.
Vom Programm her orientieren wir uns an Musik, die im Hause Bach erklungen ist, Kammermusik und Musik aus den Notenbüchlein für Johann Sebastian Bachs Frau Anna Magdalena und seinen Sohn Wilhelm Friedemann, die mit grosser Sicherheit im häuslichen Rahmen musiziert wurde.
Wie könnte es geklungen haben, wenn Johann Sebastian seine Söhne am Cembalo unterrichtet hat oder wenn er mit seiner Frau und Gästen abends gemeinsam zur Unterhaltung eigene Kompositionen spielte?
In Ergänzung dazu finden Werke aus Telemanns „Der Getreue Music-Meister“ ins Programm. Dies war die erste deutsche Musikzeitschrift, von Telemann selbst begründet und geleitet, die ihren Abonnenten monatlich Noten neuster Kompositionen nach Hause lieferte und so die häusliche Musizierpraxis bereicherte.
Ergänzend zum musikalischen Angebot möchten wir die Distanz zwischen Bühne und Publikum aufheben und ein kleines gastronomisches Angebot mit Getränken und Kuchen anbieten. Wir möchten so einen ganz unmittelbaren, ungezwungenen Austausch zwischen Publikum und Musiker:innen ermöglichen.
Programm (in nicht-chronologischer Reihenfolge)
Johann Sebastian Bach 1685 – 1750
Suite für 2 Violinen, Viola und B.c. (Frühfassung der 3. Orchestersuite) D-Dur 1685 – 1750 BWV 1068a
Ouverture – Air – Gavotte I & II – Bourrée – Gigue
Triosonate G-Dur BWV 1038
Largo – Vivace – Adagio – Presto
Auswahl von Inventionen / Sinfonien für Streichduo/-trio
Sinfonia I in C-Dur, Sinfonia IV in d-moll, Sinfonia V in Es-Dur,
Invention II in c-moll, Invention VI in E-Dur, Invention XI in g-moll
Konzert für Cembalo und Streicher f-moll BWV 1056
Allegro – Adagio – Presto
Georg Philipp Telemann 1681 – 1767
Sonate für Cello und B.c D-Dur TWV 41:D6
Lento – Allegro – Largo – Allegro
Intrada-Suite „Gullivers Reisen“ TWV 40:108 für 2 Violinen
Spirituoso – Liliputsche Chaconne – Brobdingnaqsche Gigue – Reverie der Laputier, nebst ihren Aufweckern – Loure der gesitteten Houyhnhms / Furie der unartigen Yahoos
Johann Sebastian Bach
Auswahl aus Sonaten/Partiten für Violine solo, Suiten für Cello solo,
Auswahl aus den französischen Suiten (überliefert im Notenbüchlein für Wilhelm Friedemann Bach), Inventionen/Sinfonien und pädagogischen Stücken für Cembalo solo
Orte & Daten
3.10.2026, 16.00 – 20.00, Winterthur, Kulturfeilerei
4.10.2026, 16.00 – 20.00, Stein am Rhein, Kulturhaus Obere Stube
Beiz:Musik
Die Beiz: ein Ort, um zusammen zu kommen, um das Leben zu geniessen, um zu feiern.
Da gehört natürlich Musik dazu! Über die Musik, die in der Schweiz im 17. und 18. Jahrhundert musiziert wurde, ist nur äusserst wenig überliefert. In Archiven und Bibliotheken stöbernd, haben wir dennoch Hinweise entdeckt, wie das Musikleben in der Schweiz damals ausgesehen hat.
Treffen wir Salomon Ott (1653-1711): Der Zürcher Seiden- und Baumwollhändler gehörte nicht nur einer der wohlhabendsten Familien Zürichs an, sondern war wohl auch ein begeisterter Musiker. Teile seiner Musikaliensammlung liegen bis heute in der Zürcher Zentralbibliothek.
Seine Sammlung birgt Drucke aus den Musikzentren Europas (insbesondere Venedig und Süddeutschland), die er sich bereits kurz nach ihrem Erscheinen nach Zürich bestellt.
Die Instrumentalmusik ist damals in der Schweiz noch kaum in Dokumenten nachweisbar, in den offiziellen Collegia musica der Deutschschweizer Städte wurden hauptsächlich Psalmen gesungen und musiziert. Dennoch können wir davon ausgehen, dass der junge Salomon Ott die Drucke, die voller virtuoser Instrumentalmusik und voller Tanzsätze sind, selbstverständlich auch zum Selber-Spielen im Freundeskreis erworben hat.
Das Programm ist eine Zusammenstellung aus Werken, die in der Sammlung von Salomon Ott in der Zentralbibliothek Zürich überliefert sind. Wir können davon ausgehen, dass sie so im Zürich des frühen 18. Jahrhunderts erklungen sein könnten.
Musik aus dem süddeutschen Raum (von Biber und Rosenmüller) trifft auf Musik aus Italien (von Cazzati und Corelli). Mit Johann Andrea Bäntz haben wir zudem einen Komponisten entdeckt, der in Zürich gelebt hat, dessen Musik – vier zehnsätzige Suiten von kurzen Tanzsätzen – nur handschriftlich in der Sammlung Otts überliefert ist. Unseres Wissens sind wir das erste Ensemble, das diese Stücke in historisch informierter Aufführungspraxis einem modernen Konzertpublikum vorstellen wird.
Ergänzt wird das Programm durch die frühesten Quellen von Schweizer Volksmusik, die zeigen, was in der volkstümlichen Musiktradition des 16. und 17. Jahrhunderts hierzulande musiziert wurde. Hier dient uns insbesondere das Musikbuch des Bündner Adligen Johann Simon Travers von Ortenstein als Quelle. Dieser hat als junger Mann eine Sammlung von Tänzen und volkstümlichen Melodien zusammengetragen, die sich auch hervorragend als Ausgangspunkt für barocke Improvisationen eignen.
Nach dem eigentlichen Programm, das aus zwei Blöcken mit einer längeren Pause für Getränke und Gespräche besteht, laden wir ein zur barocken Jam-Session und improvisieren über historische Standards wie die Folia oder den Passamezzo. Im Sinne einer Stubete sind auch Mitmusizierende aus dem Publikum herzlich willkommen. Zur optimalen Vorbereitung bieten wir vorgängig einen Workshop für interessierte Laienmusiker:innen an.
Programm
Heinrich Ignaz Franz Biber
1644 – 1704
Fidicinium sacro-profanum, Sonate V
Johann Andrea Bäntz *1680 – ?
Decas II, G-Dur
Intrada – Aria I – Courante I – Aria II – Courante II – Aria III – Courante III – Aria IV – Courante IV – Sarabanda
Improvisation über ein barockes Thema aus dem Musikbuch des Johann Simon Travers von Ortenstein (Graubünden, 1671)
Johann Rosenmüller 1619 – 1684
„Studenten-Music“, Suite
Paduan – Alemanda – Courant – Alemanda – Ballo – Sarabanda
Improvisation über ein barockes Thema aus dem Musikbuch des Johann Simon Travers von Ortenstein (Graubünden, 1671)
Arcangelo Corelli 1653 – 1713
Sonate op. 3/12 in A-Dur
Grave – Allegro – Adagio – Vivace – Allegro – Adagio – Allegro – Allegro
Improvisiertes Präludium (Laute solo)
Arcangelo Corelli
Sonate op 3/5 in d-moll
Grave – Andante – Allegro – Largo – Allegro
Johann Andrea Bäntz Decas IV, B-Dur
Intrada – Aria I – Courante I – Aria II – Courante II – Aria III – Courante III – Aria IV – Courante IV – Sarabanda
Improvisation über ein barockes Thema aus dem Musikbuch des Johann Simon Travers von Ortenstein (Graubünden, 1671)
Johann Rosenmüller
Sonata da camera à 5 instrumenti d’arco (Venedig 1670)
Maurizio Cazzati 1616 – 1678
Ciacona in D
Stubete / Jam-Session über barocke Themen und Melodien aus dem Musikbuch des Johann Simon Travers von Ortenstein (Graubünden, 1671) und anderen frühen Schweizer Quellen des 17. Jahrhunderts
Orte & Daten
22.1.2027, 19.30, Schaffhausen, Weinstube zur Tanne
23.1.2027, 19.30, Winterthur, Bistro Liebestrasse
Hof:Musik
Der Hof: ein Ort, der Macht- und der Prachtentfaltung. Musik ist hier zentral als Mittel der Repräsentation, des Ausdrucks von Majestät. In unserem Programm konzentrieren wir uns den Hof, der das 17. und 18. Jahrhundert europaweit kulturell wohl am meisten geprägt hat: der des französischen Königs.
Drei Musiker:innen, die in Versailles tätig waren, stehen im Fokus des Konzerts. François Couperin, Organist, Cembalist und Cembalolehrer am Hof, Elisabeth Jacquet de la Guerre, die Komponistin und Cembalistin, die von einer Pariser Zeitung als „la merveille de nostre siecle“ bezeichnet wird und deren Kammermusik im Rahmen des Abendessens von Ludwig XIV. erklungen ist und von ihm sehr gelobt und geschätzt wurde und Marin Marais, der Solo-Gambist der „chambre du roy“ und ab 1705 Leiter des Orchesters der königlichen Musikakademie.
Das Zeremoniell in Versailles war von morgens bis abends erfüllt mit Musik, vom Staatsempfang bis zum Schlafengehen wurden sämtliche Handlungen des Königs von Musik begleitet.
In unserem Programm fokussieren wir uns auf die „musique de chambre“, sind zu Gast an den Concerts Royaux, mit denen die Hofmusiker die Sonntagnachmittage von Louis XIV. erfüllten.
Doch auch die Oper darf natürlich nichr fehlen in einem solchen Konzert. Mit „Dans le goût théatral“ ist das achte Concert Royal von Couperin überschrieben: im Stile der Oper, des Hofkapellmeisters Jean-Baptiste Lully. Dieser war als zentrale Figur des höfischen Musiklebens stilprägend für die französische Musik des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts und kontrollierte sowohl das Konzertleben wie auch den Druck von Musik in Frankreich.
Verschiedene Airs und Tanzsätze wechseln sich in Couperins Concert Royal ab und bilden in unserem Programm den roten Faden für die Entdeckungsreise durch das musikalische Universum von Versailles.
Lullys Schüler D’Anglebert bearbeitete die berühmte Passacaille aus Lullys Oper Armide für Cembalo solo, um sie auch in einem kammermusikalischen Rahmen erklingen lassen zu können. Einer anderen Oper Lullys, nämlich Atys, entnehmen wir Le Sommeil, ein instrumentales Zwischenspiel, das in sanften Klängen das Einschlummern musikalisch beschreibt.
So ergibt sich ein weiterer thematischer Zusammenhang: Marin Marais’ Suites en trio sind nämlich auch während des Zeremoniells zum „Coucher du Roy“ erklungen und in der D-Dur-Suite, die in unserem Programm erklingt, lässt sich in der letzten Symphonie gewissermassen auch eine Beruhigung der Musik feststellen, die das Einschlafen symbolisieren könnte. Gewissermassen szenisch gedacht lassen wir Le Sommeil auf die Suite von Marais folgen.
Auch durch die Komponist:innen des Programms ergeben sich zahlreiche persönliche Bezüge, so war Marais etwa als Figur des gambespielenden Traums in die Uraufführung von Atys 1676 involviert, während Couperin und Jacquet de la Guerre beide entscheidend an der Einführung italienischer Musik in Frankreich beteiligt waren. Der Hof, mit seinen zahlreichen persönlichen Verknüpfungen, zwischen Inspiration und Rivalität, wird so zum Klangraum, der durch die Musik ein lebendiges Porträt der Epoche vermittelt.
Programm
François Couperin 1668 – 1733
Concert Royal Nr. 8 „Dans le goût théatral“ in g-moll
Ouverture – Grande Ritournele
Elisabeth Jacquet de la Guerre 1665 – 1729
Triosonate Nr. 2 in B-Dur
Largo – Allegro – Moderato – Allegro – Largo
François Couperin
aus Concert Royal Nr. 8:
Air – Air Tendre – Air léger
Jean-Henri D’Anglebert
1629 – 1691
Prélude g-moll & Passacaille d’Armide für Cembalo solo
François Couperin
aus Concert Royal Nr. 8:
Loure – Air – Sarabande grave et tendre – Air léger
Marin Marais 1656 – 1728
Suite en trio D-Dur 18’
Prélude – Sarabande grave – Fantaisie champestre – Gavotte en rondeau – Gigue – Bransle de village – Rigaudon – Menuet I, II, III & IV – Symphonie
Jean-Baptiste Lully 1632 – 1687
„Le Sommeil“. Instrumentales Zwischenspiel aus der Oper Atys
François Couperin
aus Concert Royal Nr. 8:
Air Tendre – Air des Bacchantes
Daten & Orte
22.5.2027, 19.30, Schaffhausen, Gesellschaftssaal zu Kaufleuten
23.5.2027, 19.30, Winterthur, Kirchgemeindehaus Liebestrasse, Grüner Saal

